Die Problematik botanischer Metaphern

Die Verwendung von Modellen aus anderen Wissenschaftsbereichen zur Erklärung z.B. kommunikationspolitischer Zusammenhänge erscheint dann problematisch, wenn das Modell einfach auf das zu Erklärende übertragen wird. So erscheint es fragwürdig, das Internet modellhaft als biologischen Organismus zu beschreiben und dann sämtliche Gesetze, die für Organismen kennt, auch im Internet anzunehmen.
Deleuze und Guattari scheinen bisweilen denselben Fehler zu machen, wenn sie Baum und Rhizom als Modelle für ihre Theorie der Mannigfaltigkeit verwenden. Auch hier werden Natur"gesetze" verkürzt als Begründung für eine philosophische Argumentationverwendet, etwa wenn das "Wurzel-Buch", das das Baummodell implementiert, folgendermaßen kritisiert wird:

Die Natur verhält sich nicht so: die Wurzeln sind dort Pfahlwurzeln mit zahlreichen seitlichen und kreisförmigen, aber keinesfalls dichotomischen Verzweigungen. Der Geist bleibt hinter der Natur zurück.

Oder wenn behauptet wird:

Das Denken ist nicht baumförmig, und das Gehirn ist weder eine verwurzelte noch eine verzweigte Materie. [...] Vielen Menschen ist ein Baum in den Kopf gepflanzt, aber das Gehirn selbst ist eher ein Kraut oder Gras als ein Baum.

Mit solchen Aussagen wird die "Theorie der Mannigfaltigkeiten" unzulässigerweise naturalisiert, das Rhizom erscheint als wahre, weil naturgemäße Funktionsweise von z.B. Kommunikation.
Relativiert - wenn auch nicht korrigiert - werden diese Fehler allerdings durch das (rhizomatische) Denken der Autoren selbst. Zum einen dadurch, daß sie jedes Ursprungs- oder Wahrheitsdenken ablehnen, und damit ihre eigenen quasi-ontologischen Aussagen unterlaufen (wie eine von ihnen selbst beschriebene "Fluchtlinie").
Zum zweiten dadurch, daß sie das Rhizom ausdrücklich nicht als kohärentes Modell verstehen, sondern als eine Methode gerade zur Subversion von modellhaftem Denken überhaupt:

Wichtig ist vor allem, daß der Wurzel-Baum und das Kanal-rhizom einander nicht wie zwei Modelle gegenüberstehen. Der eine wirkt transzendent, als Modell und Kopie, selbst wenn er seine eigenen Fluchtlinien erzeugt; das andere wirkt als immanenter Prozeß, der das Modell umstößt und eine Karte verwischt, selbst wenn es seine eigenen Hierarchien aufbaut und einen despotischen Kanal erschafft.

Aussagen, selbst solche, die scheinbar ontologisch sind (wie die, das Rhizom sei Prinzip der Natur), haben nur strategischen Wert und keinen Wahrheitsstatus. So kommt es nicht darauf an, ein Rhizom als utopische Entität herzustellen, sondern prozessual in jede soziale Situation das Rhizomorphe einzuschreiben. Ein Rhizom ist nicht, es kann nur gemacht werden.

 

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