»Habt ihr auch dies und das bedacht?
Seid ihr logisch?
Seht ihr nicht den Widerspruch? - da läuft nichts mehr!
Wir hatten das alles satt, waren aber unfähig, sofort damit
Schluß zu machen.
Es langweilte uns zu Tode.«
Gilles Deleuze/Félix Guattari
Auszüge aus „Rhizom"
Ein Buch hat weder Objekt noch Subjekt, es ist aus verschiedensten Materialien,
aus ganz unterschiedlichen Substanzen und Geschwindigkeiten gemacht.
Ein Buch ist nicht einem bestimmten Subjekt zuschreibbar. Und es hat kein
Objekt mehr,
ist eine Verkettung in Verbindung mit anderen Verkettungen. Es ist nicht die
Frage,
was ein Buch bedeuten will, sondern: womit ein Buch funktioniert,
in welchen Verbindungen es Intensitäten strömen läßt, in
welchen Vielheiten es seine
Vielheit einführt und verwandelt.
Ein Buch existiert überhaupt nur durch das Außen und im Außen
- es ist eine kleine
Maschine, die an anderer Maschinen angeschlossen werden
kann und muß. Literatur ist eine
Verkettung, sie hat nichts mit Ideologie zu tun, es
gab nie und gab keine Ideologie.
Vielheiten, Linien, Schichten, Segmentierungen, Fluchtlinien, Intensitäten,
Verkettungen,
Konstruktionen, Selektionen - Schreiben hat nichts mit
Bedeuten zu tun, sondern mit
Landvermessen und Kartographieren, auch des gelobten
Landes.
I. Das klassische Buch ist das Wurzelbuch
Der Baum als Bild der Welt, die Wurzel
als Bild der Baumwelt, schöne organische Innerlichkeit,
jede Schicht signifikant und
subjektiv. Das klassische Buch imitiert die Welt wie
die Kunst die Natur: mit seinen eigenen Verfahrensweisen, die das zum guten
Ende führen, was die Natur nicht oder nicht
mehr vermag. Das Gesetz des Buches ist das des völlig
abgenutzten reflektiertesten,
ältesten klassischen Denkens, das der Reflexion:
DAS EINE, DASS ZWEI WIRD.
Die Natur geht so nicht vor: dort sind Wurzeln Pfahlwurzeln mit zahlreichen
seitlichen,
sternförmigen Verzweigungen - jedenfalls keine
dichtotomischen.
Der Geist bleibt hinter der Natur zurück. Die binäre Logik ist die
geistige Realität
des Wurzelbaum-Buches: aus Eins wird Zwei, aus zwei
wird vier... Dieses Denken hat die
Vielheit nie begriffen. Es muß von einer starken,
vorgängigen Einheit ausgehen, um zu
zwei zu kommen, und es folgt dabei einer geistigen Methode,
einer starken Hauptwurzel, die
alle Seitenwurzeln trägt.
II. Die büschelige Wurzel
Das System der kleinen Wurzeln ist der
zweite Buchtyp, den die Modere gerne für sich in
Anspruch nimmt. Die Hauptwurzel ist
verkümmert, ihr Ende abgestorben: und schon beginnt
eine Vielheit von Nebenwurzeln wild
zu wuchern. Hier erscheint die natürliche Realität
als Verkümmerung der Hauptwurzel;
gleichwohl besteht ihre Einheit als vergangene, zukünftige
oder als mögliche fort. Man
muß sich fragen, ob nicht Geist und Reflexion
diesen Zustand dadurch ausgleichen, daß
sie ihrerseits eine noch umfassendere verborgene Einheit
oder eine erweiterte Totalität verlangen.
Jedesmal, wenn sich eine Vielheit in einer Struktur verfängt, wird ihr
Wachstum durch
eine Reduktion der Kombinationsgesetze kompensiert.
Die Abtreiber der Einheit sind hier
geradezu Engelmacher, doctores angelici: in Wirklichkeit
bestätigen sie eine höhere
„eng(e)lische" Einheit. Nietzsches Aphorismen brechen
die lineare Einheit des
Wissens nur auf, um im gleichen Zuge auf die zyklische
Einheit des ewigen Wiederkehr zu verweisen, die im Denken als Nichtgewußtes
anwesend ist. Auch ein System gebündelter
Wurzeln bricht also nicht wirklich mit dem Dualismus,
mit der Komplementarität von
Subjekt und Objekt, von Natur und Geist. Während
die Einheit im Objekt fortwährend
vereitelt wird, triumphiert im Subjekt ein neuer Typ
von Einheit. Die Welt hat ihre
Hauptwurzel verloren, das Subjekt kann nicht einmal
mehr Dichotomien bilden; es erreicht
aber eine höhere Einheit der Ambivalenz und der
Überdeterminierung in einer Dimension,
die zu derjenigen des Objekts immer als Supplement hinzutritt.
Die Welt ist chaotisch
geworden, aber das Buch bleibt Bild der Welt, Würzelchen-Chaos
statt Wurzel-Kosmos.. Welch seltsame Mystifikation: das Buch wird um so totaler,
je zerstückelter es ist.
III. Das Buch als Bild der Welt
Langweilig in jeder Hinsicht! Es genügt
eben nicht zu rufen: Hoch lebe das Viele! - so schwer
es auch sein mag, diesen Schrei
auszustoßen. Wortspielereien genügen eben
nicht, um ihm Gehör zu verschaffen. Das Viele
muß man MACHEN: nicht dadurch, daß man fortwährend
übergeordnete Dimensionen
hinzufügt, sondern ganz schlicht und einfach IN
ALLEN [und bezogen auf alle] DIMENSIONEN,
über die man verfügt. Jedesmal „N-1"
= Das Eine ist nur dann ein Teil der
Vielfalt, wenn es von ihr abgezogen wird. Das Einzelne
abziehen, wenn [? - besser:
„damit" oder „und so"?] eine Vielheit konstituiert
wird. N-1 schreiben.
Ein solches System kann man RHIZOM nennen. Als unterirdischer Sproß unterscheidet
sich
ein Rhizom grundsätzlich von großen und kleinen
Wurzeln. Knollen und Knötchen sind
Rhizome. Ein Bau ist in all seinen Funktionen rhizomorph:
als Wohnung, Vorratslager,
Rangiergelände, Versteck und Ruine. Das Rhizom
selbst kann die verschiedensten Formen annehmen: von der Verästelung und
Ausbreitung nach allen Richtungen an der Oberfläche
bis zur Verdichtung in Knollen und Knötchen.
Prinzip 1: KONNEXION
Jeder beliebige Punkt des Rhizoms kann
und muß mit jedem anderen verbunden werden. Ganz
anders dagegen der Baum oder die Wurzel,
wo ein Punkt und eine Ordnung festgesetzt werden.
Prinzip 2: HETEROGENITÄT
Nicht nur ganz unterschiedliche
Zeichensysteme zusammen ins Spiel bringen, sondern auch
ganz verschiedene Arten von
Sachverhalten: Politik, Ökonomie, Kunst, Wissenschaft.
Es gibt keine Sprache an sich, keine Universalität der Sprache, sondern
einen Wettstreit von Dialekten, Mundarten,
Jargons und Fachsprachen. Es gibt keinen idealen Sprecher-Hörer,
ebensowenig eine
homogene Sprachgemeinschaft. Sprache ist eine wesentlich
heterogene Wirklichkeit. Es gibt
keine Muttersprache, sondern die Machtergreifung einer
herrschenden Sprache in einer
politischen Vielheit. Die Sprache stabilisiert sich
in eine Pfarrei, einem Bistum, einer
Hauptstadt.
Prinzip 3: VIELHEIT
Nur wenn das Viele als Substantiv, als
Vielheit behandelt wird, hat es keine Beziehung mehr
zum Einen als Subjekt und Objekt, als
Natur und Geist, als Bild und Welt. Vielheiten sind
rhizomatisch und entlarven die baumartigen Pseudo-Vielheiten. Keine Einheit,
die im Objekt als Stütze fungiert oder sich
im Subjekt teilt. Nicht einmal eine Einheit, die im
Objekt verkümmert, um im Subjekt
„Wiederzukehren". Eine Vielheit hat weder Subjekt
noch Objekt; sie wird
ausschließlich durch Determinierungen, Größen
und Dimensionen definiert, die nicht
wachsen, ohne daß sie sich dabei gleichzeitig
verändern - mit der Vielheit wachsen die Kombinationsgesetze. Wie Marionettenfäden,
die nicht auf den Willen des Spielers, sondern
auf seine Hirn-"Gespinste" verweisen. In einem
Rhizom gibt es keine Punkte oder
Positionen wie etwas in einer Struktur, einem Baum oder
einer Wurzel. Es gibt nichts als
Linien. Wenn Glenn Gould die Tempi forciert, macht er
das nicht nur aus Virtuosität; er
verwandelt musikalische Punkte in Linien und läßt
das Ganze wuchern.
Der Begriff der Einheit tauscht nur dann auf, wenn in einer Vielheit ein Signifikant
die
Macht ergreift oder ein entsprechender Subjektivierungsprozeß
abläuft. Die Einheit
operiert immer im Inneren einer leeren Dimension, die
zu der des jeweiligen Systems als
Supplement hinzutritt = Übercodierung. Ein Rhizom
oder eine Vielheit lassen sich aber nicht übercodieren, sie haben keine
supplemetäre Dimension, die zur Zahl ihrer Linien
hinzutreten könnten. Alle Vielheiten sind flach,
insofern sie alle ihre Dimensionen
ausfüllen und besetzen = KONSISTENZPLAN der Vielheiten.
Der Konsistenzplan, das Raster
ist das Außen aller Vielheiten.
Es ist möglich und notwendig, alle diese Vielheiten auf ein- und demselben
Konsistenz-
und Äußerlichkeitsplan flachzudrücken,
welche Dimension sie auch immer haben mögen.
Das Ideal eines Buches wäre, alles auf einem solchen
Plan der Äußerlichkeit
auszubreiten, auf einer einzigen Seite, auf ein- und
demselben Strand: gelebte Ereignisse, historische Bestimmungen, Gedankengebäude,
Individuen, Gruppen und soziale Formationen.
Man fragt also nicht, was eine Vielheit bedeutet oder wem sie zugeordnet wird.
Wir sind
Schmiede des Unbewußten und hämmern und schlagen
flach.
Prinzip 4: ASIGNIFIKANTER BRUCH
Ein Rhizom kann an jeder belibigen Stelle
gebrochen und zerstört werden; es wuchert entlang
seinen eigenen oder anderen Linien
weiter = Ameisenhaufen. Mit einem Bruch riskiert man aber auch immer die
Aufdeckung von
Organisationen, die das Ganze neu schichten, auf Formationen,
die die Macht einem
Signifikanten zurückgeben, und auf Zuordnunge,
die ein Subjekt wiederherstellen. das Gute
und Böse kann nur Ergebnis iner aktiven und vorläufigen
Auswahl sein, immer wieder von neuem.
Es ist möglich dasß die Schemata der Evolution mehr und mehr dazu
tendieren, das alte
Modell des Baumes und der Abstammung aufzugeben. Transversale
Verbindungen zwischen
differenzierteren Linien bringen die Stammbäume
durcheinander.
Das Buch ist nicht das Bild der Welt, wie uns ein eingewurzelter Glaube weismachen
will.
Es „macht Rhizom" mit der Welt; es gibt eine aparallele
Evolution von Buch und
Welt; das Buch bewirkt die Deterretorialisierung der
Welt, die Welt jedoch eine
Reterretorialisierung des Buches, daß sich seinerseits
selbst in die Welt
deterretorialisiert - wenn es dazu in der Lage ist.
„Mimesis" ist dafür ein
sehr schlechter Begriff, der einer binären Logik
folgt, um Phänomene zu erfassen, die
ganz andersartig sind.
Prinzip 5: KARTOGRAPHIE und DEKALKOMONIE
Abziehbilder herstellen - ein Rhizom ist
keinem strukturalen oder generativen Modell verpflichtet.
Es kennt keine genetischen
Achsen oder Tiefenstrukturen. Diese sind in erster Linie
Prinzipen der KOPIE und deshalb
unendlich reproduzierbar. Die ganze Logik des Baumes
ist eine Logik der Kopie und des
Reproduktion, die nur den status quo beschreiben will,
beschränkt auf das, was je schon
gegeben ist. Der Baum artikuliert und hierarchisiert
die Kopien, die sozusagen Blätter
des Baumes sind.
Ganz anders das Rhizom: es ist KARTE und
nicht Kopie. Faire la carte (Das Spiel gewinnen) = Karten,
nicht Kopien machen. Die Karte
ist dem Experiment als Eingriff in die Wirklichkeit
zugewandt. Sie reproduziert nicht ein
geschlossenes Unbewußtes, sondern konstruiert
es. Sie macht gemeinsame Sache mit dem
Rhizom. Die Karte ist offen, sie kann in allen ihren
Dimensionen verbunden, demontiert und
umgekehrt werden, sie ist ständig modifizierbar..
Man kann sie zerreißen und umkehren,
sie kann sich Montagen aller Art anpassen. Sie kann
von einem Individuum, einer Gruppe
oder gesellschaftlichen Formation angelegt werden. Man
kann sie auf Mauern zeichnen, als
Kunstwerk begreifen, als politische Aktion oder als
Meditation konstruieren.
Vielleicht es es eines der wichtigsten
Merkmale des Rhizoms, VIELE EINGÄNGE zu haben.
Der Rattenbau ist ein tierisches Rhizom.
Die Karte hat viele Eingänge - im Gegensatz zur
Kopie, die immer „auf das
Gleiche" hinausläuft. Eine Karte hat mit der
Performanz zu tun, während die Kopie immer auf eine vermeintliche „Kompetenz"
verweist. In der Psychoanalyse wird
jeder Wunsch und jede Aussage auf eine genetische Achse
oder eine übercodierte Struktur
heruntergebracht. Die Schizoanalyse weist dagegen jeden
Gedanken an ein abkopierbares
Schicksal mit Entschiedenheit zurück, welchen Namen
man diesem auch immer geben mag, ob
man es göttlich, anagogisch, historisch, ökonomisch,
struktural, hereditär oder
syntagmatisch nennt.