... Fremd bin ich eingezogen ...

Warum in die Ferne schweifen,

wenn das Fremde liegt so nah?


Kunstwoche zu den Themen Heimat, Fremdsein, Flucht und Vertreibung

Vom 7. bis 13. September 2015 trafen sich sieben Menschen in der Kulturfabrik Meda, die sich in der inneren Auseinandersetzung, im Gespräch und mit den Mitteln der Kunst dem Thema Heimat und Fremdsein annäherten.

Hier sind einige Impressionen:


Wir beide wussten damals nicht, ob wir weiterleben wollten oder könnten. Aber wir wussten, dass wir nie mehr Heimat empfinden würden. Heimat ist etwas, das gibt es außerhalb der eigenen Person nicht. Es ist nicht die schönste Landschaft, sonst würden wir ja alle an die Algarve oder an die Fjorde ziehen. Es ist nicht der Ort, wo sie dich am besten bezahlen, wo du gerecht gewürdigt oder am höchsten angesehen bist
Heimat
 
Heimat ist, wo du dich auskennst, weil du etwas eingebracht hast, deine Versuche, deine Irrtümer. Und jene Leute sind dort, die so ähnliche Erfahrungen haben wie du, die den Witz verstehen und deinen Kummer auch, nicht immer, aber oft. Heimat erleben wir uns, leben wir uns her. Du kannst dich woanders gut einrichten, dich wohlfühlen, zurechtkommen. Aber zu Hause stecken deine Wurzeln so tief in der Erde, die kannst du nicht einfache herausziehen und woanders mit ein bisschen Gießen und Zureden neu einpflanzen. Kannst schon, vielleicht, wenn man sehr jung ist oder andere Erfahrungen hat.

Gisela Steineckert, Auszug aus „Mein herrliches Leben“

Gespräch mit Ahmed Belhadj im Kronenkino in Zittau:

Fotos von Julia Tham
 
 

Keine Zukunft,
kein Friede,
keine Ruhe,
keine Sauberkeit,
keine Ordnung,
keine Träume,
keine Menschenrechte,
keine Sicherheit,
kein System = gegen System,
keine Luft, ich brauche saubere Luft zum Atmen,
kein Vertrauen, keine Kunst, kein Leben.
Deswegen bin ich hergekommen.
Ich möchte nicht reich werden.
Tut mir leid, tut mir leid,
ich möchte hierbleiben, hier bin ich ein Mensch.
Tut mir leid, ich werde Deutschland nicht verlassen.
Wenn ich hier bin, habe ich Heimweh, und wenn ich in Tunesien bin, habe ich auch Heimweh. Was soll ich machen? Ich bin hier gewohnt, bin ich dort auch aufgewachsen.
Erinnerungen, gute und schlechte, hier habe ich total meine Freiheit, meine Ruhe, Demokratie, Menschenrechte. Ich fühle mich geschützt, ich bin in der richtigen Welt, von der ich mein ganzes Leben geträumt habe. Und sehr wichtig sind meine zwei Kinder, Daryn und Shyrin, ich werde sie niemals verlassen. Sie sind die Luft, die ich atme.
Habe ich dort auch meine Eltern, meine Geschwister, Monsanra, meine Mutter, Habib, mein Vater, Arma, meine Schwester, Romi, mein Bruder und Hamza, mein Bruder.
Mit jedem und jeder habe ich viele Erinnerungen, könnte ich nicht vergessen. Was sollte ich machen?
Hier sind die Straßen sauber, viel natürliche Ansichten.

Luft, Luft, ich brauche mehr Luft.
Trotz allem fühle ich mich hier alleine, keine Ahnung.
Aber ich werde Deutschland nicht verlassen.
Tut mir leid, vielleicht störe ich gerade manche Leute. Ich fühle Deutschland wie ein zweite Mutter von mir, ein Stück von mir.
Das klingt ein bissel dramatisch - aber trotzdem:
Ich bin ein Mensch, der viel Glück hat, ich habe zwei Heimat, was nicht jeder hat.

(Ahmed Belhadj, 2015)

Performance: UNTER DRUCK - GESTRANDET - UNTER DRUCK

Idee: Veronika Kirchmaier
Film und Fotografie: Julia Tham
Performance: Veronika Kirchmaier, Lina Monitor
 
 
 
 
 
 

Ausstellung zum Tag des Offenen Denkmals am 13. Sept. 2015

Ausstellungssaal
Ina Cieslak - Heimweh, verbranntes Rolltuch aus Seifhennersdorf
Ina Cieslak - Verlust meiner Heimat
Lina M. Monitor - Heimat I
"Oberlausitz"
Lina M. Monitor - Heimat II
"Lac St.-Jean"
Lina M. Monitor - Heimat III
"Brandenburg"

 
Am 26.8.2015

sind in einem Kühl-LKW,
Ladefläche ca. 13 m²,
auf dem Weg von Budapest nach Österreich

59 Männer, 8 Frauen und 4 Kinder erstickt.

Das heißt, auf einem Quadratmeter
waren 5 bis 6 Menschen (links)

Die gekennzeichnete Fläche rechts
kann versuchsweise mit entsprechend vielen Leuten
begangen werden.

Rolf Monitor, im September 2015

Einige Fragen zum Weiterdenken:

Wo findest du Heimat?
Wo fühlt es sich fremd an?
(z.B. an welchem Ort, in welcher Musik, mit welchem Gefühl, mit welchen Menschen?)

Was ist dir an dir selbst fremd?

Bist du dir im Laufe deines Lebens vertrauter oder fremder geworden?

Wenn an den Ort, an dem du dich zu Hause fühlst, Menschen mit Waffen eindringen würden, die dich bedrohen, Gewalt ausüben – Wohin würdest du fliehen?

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