Kulturfabrik Mittelherwigsdorf, den 1. Oktober 1998
Fabrikbrief, der Dritte!
Liebe Freundinnen und Freunde,
lang ist's her: seit dem letzten Fabrikbrief ist inzwischen einige Zeit vergangen und entsprechend auch viel passiert. Grund genug, um alle interessierten Geister in Kenntnis zu versetzen, was sich in letzter Zeit bei uns wesentlich abgespielt hat.
Grundsätzlich sind wir immer noch drauf und dran, uns eine innere wie „äußere Behausung zu gestalten. Der erste große Schritt zur Gestaltung einer inneren Behausung war die Gemeinschaftsintensivzeit im Mai/Juni '98. Wir gönnten uns den "Luxus", für längere Zeit uns mittels verschiedener Methoden intensiv kennenzulernen und somit am Aufbau einer menschlichen Gemeinschaft zu arbeiten. Die Idee dabei war, das jedeR von uns (Alexandra, Simone, Veronika, Astrid, Rolf, Thomas V., Thomas P., Gregor und Timo) jeweils für einen Tag "Geburtstag" hatte und somit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller stand. Ein solcher "Geburtstag" lief in der Regel folgendermaßen ab: Der/die Betreffende konnte den Tag gemeinsam mit den anderen so beginnen, wie er wollte (z.B. Kaffee ans Bett bringen lassen, im See schwimmen gehen usw.). Anschließend war die Zeit, in der ausführlich die eigene Lebensgeschichte erzählt wurde (mit Fotos, Super 8 -Filmen, Musikbeiträgen...). Danach gab es die Möglichkeit, sich auf den "Heißen Stuhl" zu begeben und sich von den anderen mal klar und deutlich sagen zu lassen, was sie eigentlich über einen so denken. Spannend! Für den Abend konnte sich der Betreffende dann eine besondere Aktion überlegen, mit der er sich in Verbindung mit den anderen erleben und feiern konnte (z.B. ein "Philosophisches Cafe", oder eine Massage-Aktion oder ein Feuer-Foto-Kunst-Abend ....)
Für uns war diese Zeit ein absoluter Highlight, so daß wir uns alle einig waren, auf diese Weise für uns immer wieder Gelegenheiten zu schaffen, um die Gemeinschaft unter uns lebendig werden zu lassen. Doch das ist leichter gesagt als getan, da die Gestaltung unserer „äußeren Behausung (Renovierung, Sanierung und Ausbau der Fabrik) viele Kräfte verschlingt und wir dadurch immer wieder in der Gefahr stehen, uns durch diese „äußeren Notwendigkeiten zu verlieren bzw. uns dadurch zu Überfordern. Indem wir manchmal die Fabriksanierung überbewerten, entwerten wir gleichzeitig die Themen, die uns als Gemeinschaft wesentlich sind. Dadurch entstehen Situationen der Überforderung, wodurch es hin und wieder unter uns zu konfliktreichen Spannungen kommt, die eigentlich so nicht sein müssten. Inzwischen wird uns klar, daß die Fabriksanierung (die „äußere Behausung) nicht zum Selbstzweck werden darf, sondern den Gemeinschaftsprozessen dienen soll: Wir müssen unsere innere und „äußere Behausung entfalten, damit sie uns entfaltet!
Zur Gestaltung unserer „äußeren Behausung sei gesagt, daß wir zur Zeit vor allem drei große Baustellen zu bewältigen haben:
1. Bau der Pflanzenkläranlage: Im September gab es dazu für 14 Tage ein großes Workcamp, zu dem viele engagierte HelferInnen - bei freier Kost und Logis - gekommen sind. Thomas P. und Veronika hatten die Leitung inne und waren für die Tagesgestaltung verantwortlich. Ein buntes Programm: neben der t„glich 6 ständigen Arbeit wurde der Tag mit weiteren Aktionen wie Morgeneinstimmung, gemeinsame Ausflüge, Feste (Kunst, Massage, Tanz...), Forum usw. bereichert. Dank des großen Einsatzes aller HelferInnen (dabei nicht zu vergessen: die hervorragende Verköstigung durch die Küche unter der engagierten Leitung von Astrid und zeitweise von An - jedesmal ein Gaumenschmaus!), der kompetenten Baubegleitung und Konzeptplanung von Emil Niklas (Ökotec) konnten die gesteckten Ziele (Bau von zwei Klärbecken) für diese Zeit trotz widriger Umstände (starkes Regenwetter) erreicht werden. Dank an alle, die daran mit ihrem Einsatz beteiligt waren! Die ganze Aktion gewann auch durch die verschiedenen Presseberichte in der Sächsischen Zeitung (SZ) an öffentlichem Interesse, ganz im Sinne der Schaffung einer positiven Öffentlichkeit.
Die Pflanzenkläranlage wird auch im Sommer nächsten Jahres auf der Landesgartenschau in Zittau in Form von Schautafeln der Öffentlichkeit nahegebracht.
2. Neben der Pflanzenkläranlage wurde auch der Ausbau des Kellers vorangetrieben, um die Arbeitsbedingungen für die zwei Heizungsanlagen zu schaffen. Dazu mußte ein schon bestehender Kamin wieder funktionstüchtig gemacht und vor allem ein neuer Kellerboden gebaut werden. Ohne konkretes Wissen und praktische Erfahrung, wie so was zu machen ist, hat Thomas Vester als Bauverantwortlicher mit viel Geschick und Wagemut es letztlich trotzdem geschafft. Dankeschön für Deinen riskanten Einsatz! Es hat sich gelohnt! Nun können wir es im Winter schön warm haben!
3. Schließlich wird immer noch der große Raum (da, wo das ehemalige Bukowski-Zimmer war) ausgebaut, in dem 6 Einzelwohnzimmer entstehen werden. Bislang gibt es ja noch nicht für alle derzeitigen BewohnerInnen ein eigenes Zimmer, so daß es höchste Zeit wird, dafür endlich die Grundlage zu schaffen. Die Dielungsarbeiten sind abgeschlossen und der St„nderbau für die Wände hat begonnen. Zudem werden die Fermacellplatten angebracht und die Elektrik + die Heizungsvorrichtungen installiert. Verantwortlich hierfür zeigen sich Rolf und Ich (Timo). Vielen Dank auch an Barbara, die mit großer Einsatzfreude und architektonischem Verstand dazu beigetragen hat, daß diese Baustelle wesentlich voran gekommen ist. Sie sollte vielleicht doch noch Architektur studieren!?
Nun folgen noch weitere Infos über Ereignisse der letzten Zeit:
Hochzeit: Tja, wer hätte das gedacht, daß bei uns in der Fabrik so schnell geheiratet wird. Nun ist es passiert: Rolf und Astrid haben sich im Juli ganz offiziell (standesamtlich) vermählt. Zur Freude Linas und all den anderen gab es in der Fabrik ein großes Hochzeit-Fest. Mit einem bunten Programm, köstlichem Essen, viel Musik (die Musikband "Beton" läßt grüßen!), Tanz und vielen interessanten Gästen habe wir ausgiebig gefeiert. Rundum ein gelungenes Fest, bei dem die Lust zu Leben mal so richtig zelebriert wurde.
Filmsommer, Klappe die Zweite: Unter dem Motto "Die Lust zu leben" wurde im August/September an 6 Sonnabenden die Lieblingsfilme vom Filmsommerteam Thomas P., Veronika Kirchmaier und Timo Wendling der Öffentlichkeit gezeigt. Das Konzept für einen solchen Filmabend ist dabei voll aufgegangen: Durch die persönliche Einführung und Vorstellung der Filme, die improvisierte Atmosphäre rund ums Filmezeigen, die Kino-Kneipe mit großer Tanzfläche und ausgewählter (Film-)Musik hatten wir beim Publikum einen großen Erfolg. Zudem hat uns die Presse mit viel Aufmerksamkeit bedacht und für eine breite Öffentlichkeit gesorgt. Bis zu 90 Leute sind an einem Filmabend gekommen. Eine solch starke Resonanz hätten wir uns nie erwartet. Für uns ist klar geworden, daß wir mit dieser Art von Kino weitermachen wollen, und zwar schon ab November in diesem Jahr: Herzlich Willkommen zum Filmwinter 1998!
Neue berufliche Situation: Thomas Pilz arbeitet seit Juni für ein Jahr in Großhennersdorf für die Umweltbibliothek als Archivar. Es geht dabei um die geschichtliche Aufarbeitung der politischen Oppositionsbewegung zu DDR-Zeiten in der Oberlausitz. Daraus sollen 2 Bücher und eine Wanderausstellung entstehen. Wir sind gespannt!
Timo arbeitet inzwischen als Lehrer auf Honorarbasis an der Ergotherapieschule in Zittau. In Klassen bis zu 30 jungen Frauen zwischen 16-22 Jahre unterrichtet er Ernährungspsychologie und Soziologie. Dabei genießt er vor allem das Ansehen als junger, frischer Lehrer. Zudem wird er höchstwahrscheinlich für ein Jahr eine vom Arbeitsamt bezuschusste und von Thomas P. beantragte Stelle in der Fabrik bekommen, bei der er vor allem für die organisatorischen Angelegenheiten rund ums Kino zuständig ist.
Veronika ist derzeit noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz für ihre zukünftige Tätigkeit als Heilpraktikerin. Nach bereits bestandener, staatlicher Prüfung will sie hier möglichst in der Nähe einen Schulplatz für Homöopathie finden.
Alexandra macht sich im Bereich Künstlerische Gartengestaltung selbstständig.
Wahlparty: Um den (erwarteten) Machtwechsel in Bonn zu würdigen, hatte Thomas Pilz die Idee, im Kino die Wahlereignisse live auf die Großleinwand zu übertragen, um gemeinsam mit Interessierten die Wahlergebnisse zu besprechen und über die neue politische Situation in Austausch zu kommen. Ca. 20 Menschen sind gekommen und es wurde bis spät in die Nacht noch rege über die neue Regierungssituation diskutiert.
Neue MitbewohnerInnen: So wie es bis jetzt aussieht, werden Barbara Terfort und Ulrich Peschel Anfang nächsten Jahres bei uns einziehen und das gemeinschaftliche Zusammenleben bereichern. Für die nächsten Monate werden beide die meiste Zeit hier in Mihedo sein, um sich langsam in die neuen Situation hineinzubegeben und um die Entscheidung für ein Leben hier in der Fabrik zu prüfen.
Heli, unsere älteste Mitbewohnerin (91 Jahre alt) hat uns in letzter Zeit Sorgen gemacht, da sie aufgrund eines Sturzes für längere Zeit bettlägerig wurde. Es sah zunächst so aus, als ob sie nun eines größeren Umfangs an Pflege und Betreuung bedarf, so daß wir uns schon überlegten, wer von uns wie diese Aufgabe bewältigen könnte. Klar ist für uns, daß Sie zu uns gehört und wir sie nicht einfach einem Pflegeheim überlassen wollen, sondern sie für ein würdiges Leben in der Fabrik unterstützen wollen. Inzwischen hat sie sich wieder erholt und das Schlimmste scheint fürs erste überwunden zu sein. Trotzdem bleibt für uns die Frage nach unserem Einsatz für Heli ein Thema.